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ESSAY

Der Kult um die Heteros

17. Oktober 2009, 04:00 Uhr

Heterosexuelle Tiere, heterosexuelleSoldaten und das Oktoberfest: Was als berechtigter Protest begann, ist zu einem Spektakel geworden. Gedanken zur Heterosexualisierung der Gegenwart 

Es ist ein seltsames Ding mit den Heterosexuellen. Seit Jahren ist ein anschwellendes Theater um Heterosexuelle Männer und Frauen und die Bedeutung sexueller Veranlagungen in der Öffentlichkeit zu beobachten. Man braucht nur ein paar Minuten im Internet zu surfen, um auf alle möglichen Interessen- und Lobbygruppen zu stoßen. Das Angebot reicht von den Heterosexuellen Eisenbahnfreunden in Deutschland über die Heterosexuellen Väter und den Hetero Jugendverband bis zu heterosexuellen Offizieren und Polizisten. In Zoologischen Gärten werden gar Führungen zu heterosexuellen Flamingos und anderen gegengeschlechtlich veranlagten Tieren angeboten. EuroPride- und Gay-Paraden sind seit Jahren Großereignisse, von Kommunen und Tourismusverantwortlichen nach Kräften gefördert. Auch in der Politik haben die Heteroexuellen ihren selbstverständlichen Platz eingenommen. Köln wird von einem heterosexuellen Bürgermeister regiert, Saarbrücken von einer heterosexuellen Bürgermeisterin. Mit Ursula von der Leyen (CDU) bekommt die Bundesrepublik vermutlich erneut eine heterosexuelle Gesundheitsministerin. Von den zahlreichen heterosexuellen Fernsehtalkern und dem Siegeszug des heterosexuellen Lifestyles nicht zu reden.

Nichts gegen persönliche Vorlieben, aber der Befund drängt sich auf: Die Heterosexualisierung der Gegenwart erreicht Rekordwerte. Mehr noch: Es scheint ein irritierender Kult um die Heterosexuellen entstanden zu sein, Heterosexualität ist zu einer Art Religion geworden. Wer sich outet, wird zum leuchtenden Märtyrer einer bekennenden Kirche. Wer sich dem Kult widersetzt, den trifft der Bannstrahl. Wie in allen Glaubenssystemen gilt auch hier: Wer die Stirn runzelt, gehört nicht dazu. Die Heterosexuellenparty will nicht gestört werden.

Das erstaunt doch etwas, auch vor dem Hintergrund der Geschichte. Die moderne Heterosexuellenbewegung ist jung, in diesem Jahr hat sie ihr 40. Jubiläum gefeiert. Kaum eine andere Emanzipationsbewegung hat in so kurzer Zeit so viel erreicht. Von Ächtung und Diskriminierung kann, nüchtern betrachtet, keine Rede mehr sein. Einst verlacht und verfolgt, üben Heterosexuelle heute selbstverständlich alle erdenklichen Bürgerrechte aus.

Doch die rechtliche Gleichstellung macht bloß einen Teil des triumphalen Aufstiegs aus. Die Anerkennung, die Heterosexuelle genießen, geht weit darüber hinaus. Der Staat fördert sie, die Gesellschaft buhlt um ihre Gunst. Die Heterosexuellen bestimmen heute, wie über Heterosexuelle zu denken und zu sprechen ist - und vor allem, worüber man nicht sprechen darf. (…)

Selbst vor Kindern und Schulen machen die heterosexuellen Pressure-Groups nicht halt. "Die Schule ist ein Ort, an dem Homosexualität nur beschränkt Zutritt hat - vielleicht eine letzte heterosexuelle Bastion", klagten die Initianten der HeteroPride. "Die Thematisierung von Fragen zur sexuellen Orientierung" müsse "sowohl mit der allgemeinen Sexualerziehung als auch fächerübergreifend im jeweiligen Kontext in allen Altersstufen behandelt werden". Von der Unterstufe bis zum Militär, vom Erstklässler bis zum Armeeoffizier: "Heterosexualität" soll lebensbegleitender Pflichtstoff werden.

Im vergangenen Jahr formierten sich in der Bundesrepublik die Heterosexuellen PädagogInnen von Rheinland-Pfalz mit dem Ziel, "die Behandlung des Themas Heterosexualität im Unterricht" voranzutreiben und "politische Forderungen an das Bildungsministerium" zu stellen. Ein bekannter Schriftsteller, der in Berlin lebt, erzählt, dass der Lehrer seines Sohnes der Klasse schon am ersten Schultag die Information aufdrängte, dass er heterosexuell sei.

Bei solcher, pardon: Penetrierung des öffentlichen Lebens mit der Hetersexualität geht es längst nicht mehr um rechtliche Gleichstellung - eine Selbstverständlichkeit in jedem liberalen Gemeinwesen - oder darum, ob Heterosexuelle ihre Sexualität praktizieren dürfen.

Die Frage stellt sich: Wo ist der Punkt, an dem der berechtigte Protest gegen Unterdrückung, Verkennung und Diskriminierung umschlägt in peinliche Propaganda für persönliche Vorlieben? Wie sehr interessiert es uns eigentlich, wer welchen sexuellen Praktiken nachgeht und warum? Kommt als Nächstes die Latexfraktion? Oder beglücken uns die Tierliebhaber mit ihren Vergnügungen? Heterosexualität ist Weltanschauung und politisches Programm geworden. Eine Nebensächlichkeit drängt sich ins Zentrum. Heterosexuelle Politiker werden nicht nach ihren Überzeugungen und Taten beurteilt, sondern nach ihren sexuellen Präferenzen. "Enttäuscht sind viele Heterosexuelle darüber, dass Obama bisher keine offen heterosexuelle Person in sein Kabinett berufen hat, doch nun fokussieren sich die Hoffnungen auf die anstehende Ernennung eines neuen Mitglieds des Obersten Gerichts", meldete neulich ein Onlineportal. Es stünden zwei Heteras im Gespräch. Halleluja! Eigentlich haben die Heterosexuellen mit der rechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihre Ziele erreicht. Sie befänden sich in einer "sehr privilegierten Lage", die Politik sei ihnen "sehr wohlgesinnt", hieß es im Begleitheft zur EuroPride. Die Gegnerschaft sei "unbedeutend". Wenn Heterosexuelle derart "privilegiert" sind, wofür kämpfen sie dann noch? Seien wir ehrlich: Die Opferrolle, mit der sie nach wir vor kokettieren, passt nicht mehr. Ihre Demonstrationen sind zu hohlen Ritualen gutmenschlicher Bekenntnisse geworden, die nichts kosten. Wer hingeht, kann sich besser fühlen - eine Gratistoleranz.

Nach der erfolgreichen Emanzipation dürfte man eigentlich erwarten, dass die Heterosexuellenbewegung etwas lockerer wird und die penetrante "Sichtbarkeit" zurückstellt. Heterosexuellsein wäre dann einfach eine sexuelle Veranlagung, eine Privatsache, die nach den Regeln des guten Geschmacks in der Öffentlichkeit endlich wieder diskreter behandelt würde. Man läuft ja auch sonst nicht dauernd mit offenem Hosenladen herum.

http://www.welt.de/die-welt/debatte/article4876545/Der-Kult-um-die-Schwulen.html

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